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Berliner Zeitung (Juli 1996)

1996 07 Berliner Zeitung

Notfalls lieber umfallen

“Balance 1” – Berlins neue Tanzschule will modernen Tanz auf hohem Niveau üben
Tilmann Billing

Textausschnitt:
“Auf keinen Fall zur Stange zurückgreifen! Fallt notfalls lieber um!” 19 Mädchen mühen sich an der Ballettstange ab, der Schweiß fließt, die Spiegel beschlagen, die Trikots werden nass. “Und nun der Spagat.” Ein Stöhnen im Saal. “Das ist erst der Anfang”, tönt der Dozent Burkhard Kühn.
“Balance 1”, Berlins neue Schule für zeitgenössischen Tanz, lädt zum Vortanzen. Ab Herbst soll hier der Unterricht beginnen. Bisher gibt es über hundert Anmeldungen, aus ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz und Osteuropa. Zwölf der 20 Plätze sind bereits vergeben.
“Es ist peinlich für die Hauptstadt, dass es hier keine hochwertige, moderne Tänzer-Ausbildung gibt”, meint Miriam Drechsler, der Kopf des neuen Instituts. Deutschlandweit gibt es keine Schule für zeitgenössischen Tanz mit internationalem Standard. “Balance 1” möchte sich in Zukunft mit renommierten Schulen in London und New York messen.
In der dreijährigen Ausbildung werden Ballett, Jazz-Tanz, Improvisation und diverse moderne Tanz-Techniken unterrichtet. Eine Reihe von Theorie-Fächern, wie Anatomie, Musik & Rhythmik und Tanzgeschichte ergänzen das Programm. Zum festen Berliner Dozentenstamm stoßen stets blockweise international namhafte Gastlehrer dazu
Vielfalt ist das höchste Ausbildungsziel der neuen Schule. “Unsere Absolventen sollen alles können. Sie brauchen später auf dem umkämpften Markt die besten Chancen”, meint Miriam Drechsler. Ohne Disziplin wird das kaum gehen. Die Leiterin von “Balance 1” ergänzt: “Bei uns muss man hart arbeiten, Selbsterfahrungs -Kurse gibt es in Berlin genug.”
Bietet “Balance 1” nur Disziplin und harte Arbeit? Fetzige Musik ertönt. Die Bewegungen von Jazz-Tänzer Jörn Wiegand explodieren. “Ihr müßt Spaß haben beim Tanzen”, ruft er. Auch sein Kollege aus New York, Howard Fireheart, feuert die Mädchen an: “Zeigt, was in euch steckt. Es geht nicht um Perfektion, zeigt was Persönliches.” Schließlich soll die neue Schule eine Balance zwischen Technik und Kreativität vermitteln.
Berlins Szene beklagt seit Jahren das Fehlen einer erstklassigen Ausbildung für modernen Tanz. Miriam Drechsler hat nun auf eigene Faust gehandelt. Sobald die staatliche Anerkennung vorliegt, besteht für die Schüler auch ein Anspruch auf Bafög.
Miriam Drechsler ist ein Machertyp mit einer gesunden Mischung aus Pragmatismus und Visionen. Ihr Traum wäre ein Austausch mit Schulen in London und Los Angeles. Erste Kontakte sind geknüpft. Außerdem plant sie Kooperationen mit Berliner Theatern und Festivals.