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Die Tageszeitung (08.01.2004)

2004 01 taz Tanztage

Wagnis mit dem Unbekannten

Von Jana Sittnick

Textausschnitt:

In den Sophiensälen finden derzeit die dreizehnten „Tanztage“ statt. Hier, im kargen „Hochzeitssaal“ im dritten Stock, proben Friederike Plafki und Tabea Tettenborn. Gemeinsam mit anderen Schülern und Absolventen der staatlichen Ballettschule „Ernst Busch“ und der privaten Tanzakademie balance 1 präsentieren sie am „Wochenende der Jungen Choreographen“ ihre Arbeiten.
Seit Beginn der „Tanztage“ vor acht Jahren liegt der Fokus des Festivals auf dem choreographischen Nachwuchs. Öffentlichkeit ist es auch, was Einsteiger in der „freien Tanzszene“ am dringendsten brauchen. Denn die Konkurrenz ist groß, und wenn man nicht in einer festen Kompanie tanzt und kein Interesse hat am Musical-Mainstream, dann ist es schwer, als Choreograph und Tänzer Fuß zu fassen.

„Man muss gesehen werden,“ sagt Friederike Plafki, „und sich immer wieder in Erinnerung bringen. Man muss den Leuten auf den Nerv gehen.“ Manchmal habe sie Panik, nicht am Ball zu bleiben. Obwohl sie bei der „euroscene Leipzig“ vor zwei Jahren den Preis für das beste deutsche Tanzsolo gewonnen hat – Kooperation zwischen Anfängern und etablierten Choreographen gäbe es ihrer Erfahrung nach nur bedingt.
Das meiste geschieht über Kontakte. „Es gibt so eine Art Branchenbuch der Berliner Choreographen, da hab ich mir die Leute rausgesucht, direkt angeschrieben, und zu meinen showings eingeladen.“ Einige sind auch gekommen. Die 24-jährige ist ehrgeizig. War auf der Sportschule, Schwimmerin. Hat jeden Tag trainiert. Später kam der zeitgenössische Tanz dazu und dann noch eine Physiotherapie-Ausbildung. Die Medizinfachschule hat sie abgeschlossen, in den verschiedenen Tanztechniken lässt sie sich an der Tanzakademie balance 1 weiter ausbilden. Als Physiotherapeutin verdient sie ihren Lebensunterhalt. Als Choreographin will sie berühmt werden.
„Kühlkuhgenese“ heißt ihr erstes Stück für die Tanztage. Es thematisiert die Entstehung von Bewegung und Leben.

Tabea Tettenborn ist zum zweiten Mal bei den „Jungen Choreographen“ dabei. In ihrem Solo „back to the roots“ geht es um das Ganze, um die Elemente, um Kampf und Harmonie. Ein Gedicht, von einem Unbekannten auf eine Postkarte geschrieben, hat sie dazu inspiriert. „Man kann die Arbeit an einem Stück nicht planen“, sagt Tettenborn, „die Ideen und Bilder kommen, oder sie kommen nicht, da muss man auch mal warten können.“ In drei Monaten hat Tabea Tettenborn ihr Stück bühnentauglich gemacht. Tanzen ist für die 25-jährige etwas „ganz Normales“, eine alltägliche Bewegungsform, die sie gern von der Säule der Erhabenheit runterholt. Tabea hat die dreijährige Ausbildung an der Tanzakademie balance 1 vor zwei Jahren abgeschlossen. Sie geht zu Tanzwettbewerben und zu den „Auditions“, dem öffentlichen Vortanzen, bei dem Choreographen ihre Tänzer auswählen. Tettenborn hatte Glück: Sie arbeitete mit dem Berliner Choreographen Christoph Winkler für die Tanzfabrik zusammen, und demnächst wird sie in der Neufassung seines Stückes „fatal attractions“ mit dabei sein.
Sie ist nach dem eigenen Gefühl noch auf dem Weg zur Profitänzerin. „Man muss doch als Anfänger erst mal hineinkommen, das ist ein Prozess“, meint sie, „und ich lerne immer noch so viel.“ Sie sei froh, überhaupt das machen zu können, was sie erfüllt: tanzen. Reich und berühmt werden – das kommt später. Vielleicht.